Funktionen - Zugehörigkeit
Paradox genug: Während die «Wilden» offenbar Scham empfinden können, obwohl sie nach unseren Begriffen nahezu nackt herumlaufen, muss ein unvoreingenommener Beobachter unserer Gesellschaft praktisch zu einem entgegengesetzten Schluss gelangen: Kleidung und Schamlosigkeit sind durchaus gleichzeitig denkbar, wie der (fiktive) Südseehäuptling Tuiavii aus Tiavea, der vor etwa fünfzig Jahren Europa bereist haben soll, feststellt:
«Weil nun die Leiber der Frauen und Mädchen so stark bedeckt sind, tragen die Männer und Jünglinge ein großes Verlangen, ihr Fleisch zu sehen, wie dies auch natürlich ist- Sie denken bei Tag und Nacht daran und sprechen viel von den Körperformen der Frauen und Mädchen und immer so, als ob das, was natürlich und schön ist, eine große Sünde sei und nur im dunkelsten Schatten geschehen dürfe. Wenn sie das Fleisch offen sehen lassen würden, möchten sie ihre Gedanken mehr an andere Dinge geben, und ihre Augen würden nicht schielen und ihr Mund würde nicht lüsterne Worte sagen, wenn sie einem Mädchen begegnen.» [Tuiavii <Tiavea>: Der Papalagi : die Reden d. Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea. -- Hamburg : Release-Verlag, 1973. -- (Edition Luta, Indianer heute). -- S. 13]
Diesen Aspekt der Doppelmoral unserer Bekleidungsrituale beschreibt auch R. König in seiner Soziologie der Mode:
«In der Tat versucht die Kleidung zwei in sich widersprüchliche Dinge zum Ausgleich zu bringen: Sie unterstreicht unsere Reize und dient gleichfalls der Sicherung des Schamgefühls. Beidem gemeinsam liegt aber die geschlechtlich-triebhafte Wurzel zugrunde, die das eine Mal bejaht, das andere Mal verneint wird.» [König, René <1906 - >: Kleider und Leute : Zur Soziologie d. Mode. -- Frankfurt/M. [u.a.] : Fischer-Bücherei, 1967. -- (Fischer-Bücherei ; 822 : Bücher des Wissens). -- S. 15]"
Ganz wichtige Funktuionen der Kleidung sind bis auf den heutigen Tag:
- Ausdruck von Identität
- Ausdruck von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit
- Ausdruck von Rollenzugehörigkeit
Viele der o.g. Texte und Abbildungen sind entnommen aus:
Margarete Payer
Internationale Kommunikationskulturen
10. Kulturelle Faktoren: Kleidung und Anstand
zu finden im Internet