Nackt - was is das?Wieso denn nackt?Mensch werdenMensch seinMensch bekleidetDiverses

Sexualität



Ich halte Nacktsein für die einzig wahre Erscheinungsform des Menschen. Denn die nackte Haut ist ja das äußerliche Kennzeichen des Primaten, der sich selbst für die Krone der Schöpfung hält (man wird sehen...). Damit stelle ich nicht in Abrede, dass die Ausbreitung dieser Art nur durch die nervensystemische Fähigkeit, sich den verschiedenen Bedingungen anpassen zu können, möglich war. Und dazu gehört nun mal die Kleidung als die erste revolutionär wichtige Erfindung, sich gegen die evolutionär bedingte Natur des Menschen zu wenden, um Afrika zu verlassen und schließlich weniger warme Gebiete dieses Globus aufzusuchen.

Genau das aber ist seither der dicke rote Strick, der die Menschheit durchdringt:
Günstiges kann durch Machthaber instrumentalisiert werden.
Da wird aus der Not eine Vorschrift:
du MUST bekleidet sein, sonst fällst du unter das Strafrecht, bestenfalls unter das OWiG.
Denn Nacktheit ist in unserer Gesellschaft zu schnell gleich Sexualität.

Ja und? Könnte der (bio)logische, denkende Mensch fragen.

Nun:
Sexualität ist zwar gesellschaftlich anerkannt zur Fortpflanzung und um damit Geschäfte zu machen, ansonsten aber offenbar höchst verwerflich. Sünde für die Einen, Mittel der Erpressung für die andern. Super geeignet, sich gegenseitig zu diffamieren - wie sonst ist es überhaupt möglich, so etwas wie mit Bill Clinton über Monate durchzuziehen?! Dabei gäbe es uns als Art gar nicht ohne die mehrere Milliarden Jahre alte Erfindung der Sexualität...
Ist das nicht verrückt??
Das war natürlich(!) nicht immer so. Erfahrungsberichte und Geschichten von vor über 2500 Jahren bis ins letzte Jahrhundert lassen erkennen, dass Menschen sehr unterschiedliche Formen hatten zu leben, mit Sexualität und auch Nacktheit umzugehen.
Die heutige Kriminalisierung des Nackten (zumindest gedanklich, oft auch juristisch - U.S.A.) und Sexuellen geht wohl auf die Ausbreitung der ersten Eroberungsreligon zurück, die die Menschheit mit unbeschreiblichem Terror, Hass, Gewalt und Umerziehungsprozessen überzogen hat, nämlich des Christentums. Knapp 300 Jahre später folgte die zweite ähnlich menschenverachtende - aber GOTT preisende!! - Religion, die ähnlich aggressiv bis heute ihren Terror verbreitet, der Islam.

Ich bin mir im Klaren, dass es weniger die hinter diesen Religionen stehenden Gedanken und Weltanschauungen sind, die diese Excesse hervorriefen und hervorrufen - siehe heutige U.S.A...
Es scheint vielmehr eine Entwicklung durch die Menschheit zu gehen, die - je globalisierter die Welt wurde (das römische Reich WAR der Anfang der Globalisierung!) - diese Menschheit, zumindest diejenigen, von denen diese Globalisierung ausgeht, zunehmend aggressiver gegenüber den zu Unterdrückenden macht.

Es gibt Hunderte Beispiele, die zeigen, dass mit dem ersten Darüber-Hinweg-Setzen des Menschen über seine evolutionär bedingte Natur viele, sehr viele neue Probleme entstanden, die wir natürlich nicht so eben auf die Schnelle lösen können. Seien es die sozialen Konflikte, die durch das Leben in den riesigen Städten entstehen - eine Erscheinung, völlig neu, vergleicht man die Zeit der evolutionären Existenz des Menschen mit der Zeit seit es Städte gibt (etwa 10.000 Jahre, damals allerdings noch lächerlich klein, 1000 Einwohner bildeten schon eine ansehnliche Groß-Stadt).
Seien es die Probleme mit der massiven Veränderung der Erde durch unsere Art...

Die Weltbevölkerung hat sich explosionsartig vermehrt - deutlich mehr als verdoppelt in den Jahren, in denen ich existiere!! Die damit entstehenden Probleme sind allgemein bekannt. Die Tragfähigkeitsgrenze des menschlichen Lebensraumes wird in absehbarer Zeit erreicht sein. Allerdings ist dieser Lebensraum die gesamte Erde. Das unterscheidet unsere Populationsentwicklung von der mathematisch ähnlichen anderer sozialer Arten.

Unser Großhirn ist in der Lage, uns die eigene Natur, die zugrunde liegende Evolution vergessen zu lassen (außer wir werden krank - aber auch da ist ja nicht mehr zwangsweise das sofortige Dahinsiechen die notwendige Folge) und uns eine kulturelle Evolution durchführen zu lassen, von der die weitaus meisten Menschen der Ansicht sind, sie sei noch zwingender als die natürliche für unser Handeln, Empfinden und Denken.

Daher ist für die meisten Menschen ein Mitmensch, der sich nicht immer konform(istisch) verhält, der z.B. gern rund herum - also am liebsten die ganze Zeit - nackt herumlaufen möchte, jemand, der sie "nicht mehr alle hat", verdreht= pervers ist. Für die meisten Leute ist Nacktheit eher was, mit dem man zwar geboren wurde, aber bereits direkt nach der Geburt war man ja keine 10 min nackt auf der Erde, sondern begann den Start ins Leben in Windeln gehüllt.

Nacktheit ist das, was man an sich selbst unter der Dusche und in der Wanne sieht, bei sehr wenigen anderen Menschen z.B. im (Ehe)-Bett oder - noch seltener - in der Sauna (Aber da hat der größte Teil auch immer ein Handtuch um die Hüften oder einen Saunamantel an).
Ansonsten sind wir bekleidet. Tragen den "Anzug" auf der Straße und im Bett, beim Baden und beim Tauchen - Bekleidetsein scheint normal.

Für die meisten Menschen ist Nacktheit immer "irgendwie" mit Sexualität verbunden. Da ist der offene Blusenknopf, der tiefe Ausschnitt, das offene Männerhemd ein sexuelles Signal. Selbst das kurze Aufblitzen des weiblichen Knöchels unter dem bodenlangen Kleid konnte Anfang des letzten Jahrhunderts bei jungen Männern eine gewaltige Erektion auslösen. Von kurzen Röcken über schlanken Frauenbeinen in den 70ern ganz zu schweigen...

Das führt dann bisweilen dazu, dass es wenige Leute (meist Männer) gibt, die sich offenbar wenig steuern können und leicht bekleidetes Auftreten einer meist weiblichen Person als Aufforderung zu sexuellen Handlungen sehen. Oder dergleichen vorgeben. Noch immer kann man Verteidiger hören, die Vergewaltiger mit der Begründung verteidigen, das Opfer trüge durch seine Kleidung (!) eine Mitschuld an der Tat. Dies ist natürlich eine Frechheit.

Auf der anderen Seite kenne ich sehr viele Menschen, die auf Reize der Kleidung (aufreizende Kleidung) abfahren und diese für "erotischer" als Nacktheit halten. Die Reizwäscheverkäufe boomen. Da hat die kulturelle Evolution schon verdammt viel erreicht...

Ein weiterer Punkt ist die gesellschaftliche Funktion der Kleidung, die Gottfried Keller so schön in "Kleider machen Leute" beschreibt. Wie wenig das arme Schneiderlein in Wirklichkeit unter seinem schwarzen Mantel hermachte, wäre nur nackt aufgefallen. Aber so trug die Hülle zu seinem Aufstieg bei. Wegen dieses Äußeren wird er beachtet, macht nach anfänglicher Bescheidenheit mit und kommt groß raus.

Diese Äußerlichkeiten sind es, die zählen. Innere Werte kommen selten GROSS raus - zumindest zu selten. Wer in einem großen Wagen vorfährt, muss was Besonderes ein (man beachte die Parallele zu Kellers Geschichte), einem solchen Fahrzeug schaut die Masse der Menschen hinterher - eine Sache, die mich immer wieder ärgert.

Man denke an die Funktion der Uniformen: Warum liefen die Braunen schon so rum, als sie sich mit den Roten die Straßenschlachten lieferten und weit von der Machtübernahme (!) entfernt waren? Warum sind die Mützen der russischen (früher sowjetischen) Militärs so groß? Warum die Schärpen so breit, die Farben so auffallend etc.
Sie sollen ablenken! Von den Menschen und deren Unzulänglichkeiten, sollen Format vortäuschen, wo zu oft keines ist.
Ich bin überzeugt, dass diese Funktion der Kleidung schon sehr frühzeitig nach deren Erfindung ins Spiel kam. Schon bald hatte der geschicktere oder auch einfach nur glücklichere Jäger das schönere Bärenfell über den Schultern. Den Rest kennen wir...
Selbst bei weitgehend nackt lebenden Völkern gab es Situationen, in denen Kleidung - oft massig - übergeworfen wurde:
Öffentliche Versammlungen, Feste, Empfang von Delegationen eines anderen Stammes.

Schon Keller schildert die Persönlichkeitsveränderung, die durch das Tragen entsprechender Kleidung nicht nur bei den Drumherumstehenden, sondern auch beim Träger selbst entsteht (schön auch hierzu Andersens "Des Kaisers neue Kleider"), eine Erfahrung, die man immer wieder machen kann. Auch bei sich selbst.
Das ist ein wesentlicher Grund, warum man(n) sich gern schick anzieht. Der gut sitzende (Nadelstreifen)Anzug, das blütenweiße, glatt gebügelte Hemd, die dezente Krawatte - ja, das macht Eindruck (sic!). Stolz dreht man sich vorm Spiegel, wird sich gleich in Gesellschaft steifer bewegen, ruhiger und gewählter ausdrücken und sich distinguierter geben.

Das alles hab ich natürlich auch tausende Male gespürt - von beiden Seiten. Mittlerweile hasse ich daher tatsächlich, mich schick kleiden zu müssen. Ich lehne das im Grunde meines Herzens völlig ab. Auch wenn ich mich den gesellschaftlichen Zwängen bisweilen - Gott sei Dank nur sehr selten - fügen muss.

Wenn mir dann diese gestriegelten Menschen gegenüberstehen, denke ich manchmal drüber nach, wie sie wohl nackt aussehen mögen. Gerade Menschen, die mehr durch ihre Position, ihre Kleidung, ihr Gehabe beeindrucken möchten als durch ihr Menschsein veranlassen mich immer wieder, mir vorzustellen, was ich alles nicht sehe:
Hat der Mensch dort gegenüber eine straffe Haut oder ist sie faltig, farblos oder mit Speckküllechen versehen? Hat er einen kleinen oder einen größeren Schwanz? Hängebrust oder Wonderbra? Sind Narben auf dem Körper, Krampfadern oder Besenreiser? Hat er krumme Zehen in den edlen Schuhen, schlaffe Muskeln unter der teuren Jacke?
Was verbirgt dieser Anzug, der nicht von ihm stammt, für den er lediglich bezahlt hat und der ihn so prächtig ver-kleidet? Den er TRÄGT " wie ein Kleiderständer"?!
Na ja - und wirklich interessant wäre es, wenn ich herausbekäme, wie sich dieser Mensch benähme, wenn er in der selben Gesellschaft nackt wäre. Wenn man seine Narben und Besenreiser, seine Falten sähe, den hässlichen rechten Zeh, die abgeschlafften Muskeln. Träte er dann auch SO auf? Redete er dann so hochgestochen, so abgehoben (!), hielte er dann das Weinglas ähnlich elitär, nippte er dann auch so vorsichtig? Oder tränke er dann gar keinen Wein?

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Es stimmt:
Kleider machen Leute


Nacktheit macht Menschen.

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